Experteninterview mit Jens Otto Lange zum Thema Design Thinking in Projekten

Herr Lange, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Design Thinking? Was fasziniert Sie daran?

Ich habe mich schon immer für das Thema Design interessiert. Deshalb habe ich auch angefangen, Industrial Design zu studieren. Mein Einsteig in die Berufswelt war ein Job in der Kreativbranche, in einer Designagentur. Auch dort habe ich mich dann über das Thema Branding mit Design befasst. Und als ich mich zu Zeiten der New Economy Ende der 90ger Jahre mit einer Internetagentur selbstständig machte, entwickelte ich gemeinsam mit Kunden in Workshops den Scope des Projekts und entwickelte daraus Konzepte für Websites und Websoftware - heute würde man das UX Design nennen. Ich war ich aber nie explizit in der Rolle eines Designers tätig, sondern übernahm diese Aufgabe als Berater, Konzepter und Projektmanager. Für die Gestaltung und Moderation kreativer Konzeptfindungsprozesse gab es keinen speziellen Begriff. Erst als ich 2011 Design Thinking in einem Training kennenlernte, hatte ich ein Wort für das, was ich ganz ähnlich schon so lange gemacht hatte.

Warum ist Design Thinking seit Jahren in aller Munde?

Die Karriere von Design Thinking begann in Deutschland etwa im Jahr 2007. Im gleichen Jahr kam das erste iPhone heraus, das den Computer in der Hosentasche zum ständigen Wegbegleiter machte. Das Smartphone machte viele neue Dienste überhaupt erst denkbar und wurde zum Treiber der Digitalisierung. Design Thinking erwies sich als nützlich, um neue Anwendungsideen für digitale Technologien zu entwickeln - daran hat sich bis heute nichts geändert.

Meine Design-Thinking-Story“: Was Ihr größtes Aha-Erlebnis in Bezug auf das Thema Design Thinking?

Der erste Workshop, bei dem ich selbst als Teilnehmer dabei war, war eine große Inspiration für mich. Zum einen wurde mir klar, dass ich viele Design Thinking Tools bereits nutzte. Zum anderen hatte ich jetzt einen Prozessrahmen, der mir half, die verschiedenen Bausteine in eine sinnvolle Abfolge zu bringen. Ein weiteres „Ahaa“ hatte ich nach meinem ersten Design Thinking-Lösungsworkshop, den ich für ein Software-Unternehmen durchführte. Ich war mir selbst nicht sicher, ob etwas Gutes dabei herauskommen würde. Zum Glück entwickelten die Teams tolle Feature-Ideen, die später ihren Weg in das Produkt schafften. Wichtig für diesen Erfolg war dabei, dass die teilnehmenden Teams den Design Thinking-Prozess von Anfang bis Ende durchliefen. Nach den Tiefen des Zweifels und der Unsicherheit in der Problemfindungsphase präsentierten sie am Ende mit Stolz eine konkrete, innovative Lösung als Ergebnis. 

Der Design-Thinking -Killer: Was muss man tun, damit Design Thinking so richtig schiefgeht?

Typische Fehler sind unklare und unrealistische Ziele. Das fängt an bei der fehlerhaften Formulierung der Zielsetzung, der sogenannten Design Challenge. Weitere Killer sind überzogene Erwartungen und mangelnder Management-Support. Workshop-Formate leiden häufig unter zu wenig Zeit für die systematische Einbeziehung und Bedürfnisanalyse von Nutzern und Kunden. Auch der Mangel an Diversität im Team oder zu wenig Bewegungsfreiheit und Wandfläche im Raum können die kreative Zusammenarbeit hemmen. Design Thinking braucht klare Rahmenbedingungen, eine sorgfältige Vorbereitung und Klarheit darüber, was im Anschluss an ein Design Thinking-Projekt mit den Ergebnissen passieren soll. Ansonsten bleibt es bei einem kurzen Strohfeuer, das die Wirksamkeit von Design Thinking als Methode in einer Organisation schnell in Misskredit bringen kann.

Welchen Unterschied sehen Sie bei Projekten, die mit und ohne Design Thinking starten?

Design Thinking eignet sich vor allem für das Scoping von Projekten. Schon an zwei Tagen kann ein konkreter Lösungsansatz entwickelt werden, der dann iterativ verfeinert werden kann. Darüber hinaus sichert ein Design Thinking-Workshop den Buyin aller Beteiligten. Das mühselige Zusammentragen von Anforderungen kann stark verkürzt werden, außerdem kann mit frühen Nutzer-Tests das Risiko minimiert werden, dass die Lösung am Bedarf vorbei entwickelt wird.

Kann Design Thinking uns helfen, die Digitale Transformation zu meistern?

In jedem Fall. Design Thinking hilft dabei, komplexe Probleme kreativ zu lösen. Komplexe Probleme sind Problemtypen, bei denen die Lösung nicht auf der Hand liegt. Die meisten Vorhaben im Kontext der Digitalisierung sind genau das - sie sind komplex. Erst in der Rückschau lässt sich beurteilen, ob die Lösung die Bedürfnisse von Nutzern befriedigt. Daher macht es großen Sinn, in schlanken Tests kleine Experimente zu fahren und sich iterativ - Schritt für Schritt - an die Lösung anzunähern, bevor man große Projekte an die Wand fährt und dabei viel Geld und Ressourcen verschwendet.

Kann jeder Design Thinking erlernen?

Jeder, der bereit ist, sich der Unsicherheit des kreativen Findungsprozesses auszusetzen, kann Design Thinking lernen. Design Thinking ist sehr pragmatisch - die Tools sind einfach zu verstehen und anzuwenden. Wichtig ist die Bereitschaft, sich auf Neues und verschiedene Sichtweisen im Team einzulassen. Design Thinking hilft uns, das kreative Selbstvertrauen, das wir als Kinder hatten, neu zu entdecken. Denn Kreativität, Neugierde und Intuition stecken in jedem von uns. Design Thinking erlaubt uns, damit wieder in Kontakt zu kommen und diese Ressourcen für die Entwicklung neuer Ideen mit Spaß und Lust einzusetzen. Ausgeprägtes Expertentum steht dem eher entgegen.

Wem würden Sie Ihr Seminar empfehlen?

Mein Seminar ist für jeden interessant, der für komplexe Projekte - insbesondere im Bereich Digitalisierung - schnell und pragmatisch eine Zielvorstellung entwickeln möchte, die von allen Beteiligten getragen wird - insbesondere von den späteren Anwendern, Nutzern oder Kunden.